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10.11.2021

Netzwerk AltenPflegeSeelsorge führt Werkstattgespräch mit Medizinethiker Prof. Dr. Giovanni Maio

Sinn im Alter – Sinnkrisen und Sinnerfahrung im Altenpflegeheim

Unsere Gesellschaft wird immer mehr zu einer Langlebigkeitsgesellschaft. Die nachberufliche und nachfamiliäre Lebenszeit gewinnt zunehmend an Bedeutung. Das eröffnet neue Chancen für neue Lebensphasen, allerdings gibt es dabei auch ein Problem: Obwohl die Menschen immer älter werden, möchten tatsächlich nur sehr wenige alt sein. Dass jedes Lebensalter seine Eigenheiten und seinen speziellen Sinn hat, wird erst deutlich, wenn man sich über Sinn und Selbstwert des Alters Gedanken machen. Wie kann diese Zeit mit Sinn gefüllt werden – auch bei nachlassenden Kräften? Wie kann das Alter die Gesellschaft bereichern? Und wie ist Sinnstiftung im Seniorenzentrum möglich?

Diesen und weiteren Fragen haben sich Teilnehmer*innen des Netzwerks AltenPflegeHeim Seelsorge in der Prälaturregion HN3 gemeinsam mit dem Freiburger Medizinethiker Prof. Dr. Giovanni Maio in einem Werkstattgespräch am 7. Oktober gewidmet. Von 15.30 Uhr bis 17.30 Uhr trafen sich Seelsorgende, Träger und Mitarbeitende von Altenpflegeheimen zu einem vertiefenden Austausch in der Spitalkirche in Öhringen. Veranstalter des Netzwerktreffens waren die Altenheimseelsorge in Kooperation mit Stadtseniorenrat Öhringen, Haus an der Walk, BBT-Gruppe und der Evangelischen Erwachsenbildung.

Pflegebedürftig zu werden, „das ist ein Gedanke, der nicht in unser Lebenskonzept passt“, befand Prof. Dr. Maio in der Spitalkirche – und fügte hinzu: „Dabei ist es das Wahrscheinlichste, was wir alle vor uns haben.“ Schon dieser Satz machte deutlich, dass das Thema des Treffens „Sinn im Alter – Sinnkrisen und Sinnerfahrung im Altenpflegeheim“, deutlich über den Rahmen von Impulsvortrag und anschließendem Austausch hinaus zielte. Denn nur bloße Vorstellung, in ein Altenheim zu müssen, sei bereits krisenbehaftet. „Als Mensch im gehobenen Alter muss man vom Geliebten und Vertrauten in die Fremde ziehe und nochmal neu anfangen. Der Einzug im Altenheim markiert einen – meist unfreiwilligen – Wendepunkt in einer Lebensphase, in der man sich eigentlich eher zurückziehen und mit sich im Reinen sein möchte. Hinzu kommt die Funktionalität und Ablauforientierung der Heime im Pflegealltag, die die Senior*innen am Sinn ihres Lebens zweifeln lässt. Denn sie werden im schwierigen Arbeitsalltag der Pflegekräfte nicht selten auf ihre Bedürftigkeit reduziert, statt sie weiterhin als das was sie sind – nämlich als ganze Menschen mit ihrer ganz persönlichen Geschichte – zu betrachten.

Das Alter sei daher eine elementare Lebensphase, nicht nur des betroffenen Menschen, sondern für die Gesellschaft als solche. Denn über die Konfrontation der Gesellschaft mit dem Altwerden werde sie selbst daran erinnert, dass nicht die Unabhängigkeit, sondern das Angewiesensein auf andere eine wesentliche Grundsignatur des Menschen darstellt. Das Erreichen eines hohen Alters sei demnach nicht die Last des Nicht-mehr-Könnens und daraus resultierendem Sinnverlust, sondern grundsätzlich ein Geschenk. Und genau hier kommen die Seelsorgenden, die Hospizmitarbeiten und v. a. die Fachkräfte in der Altenpflege ins Spiel, damit nicht nur die Senior*innen selbst, sondern die Gesellschaft dieses Geschenk verstehen und schätzen lerne. „Mein Rat an Sie, die Bewohner*innen und die gesamte Gesellschaft: Auf der Suche nach dem Sinn unseres Lebens vergessen bzw. übersehen wir oft, dass so viele kleine Sinnmomente direkt vor uns liegen. Es sind aber genau diese kleinen Gesten, Berührungen oder Gespräche, diese kleinen Erlebnisse oder Eindrücke, die unserem Leben Sinn geben“, so Prof. Dr. Maio. Sein Rat: „Finden Sie für sich zum einen eine Möglichkeit, in ihrem Tun aufzugehen bzw. wieder aufzugehen – trotz der Durchökonomisierung ihres Berufs, der eigentlich ein sozialer sein sollte. Denn nur wer Sinn in seinem Wirken sieht, kann auch Sinn für andere stiften. Finden Sie zum anderen einen Weg, die Funktionalität des Berufs mit der Ganzheitlichkeit Ihrer Pflegebewohner*innen zu vereinbaren, denn Sie kennen den Menschen immer nur aus Ihrem ganz speziellen Fachgebiet. Beziehen Sie Alltagsbetreuer*innen, Hauswirtschaft, Ehrenamtliche und Angehörigen mit ein, denn nichts ist sinnvernichtender als einen Menschen auf einen bestimmten Aspekt seines Lebens zu reduzieren.“ Eine große Aufgabe in einem Beruf, der von Politik und Wirtschaft nicht als „Beruf der Zuwendung mit hoher Kompetenz für die Bewältigung von herausfordernden, komplexen Aufgaben“ betrachte.

Dass sich die Mitarbeitenden aus Seelsorge, Hospizdienst und Pflege aber genau dies wünschen, um Sinn für sich und ihre Schützlinge zu stiften, bewiesen die Werkstattgespräche in gemischten Kleingruppen. Es folgen einige zentrale Erkenntnisse zur Sinnstiftung im Seniorenzentrum:

  • Ein wertschätzendes Miteinander der verschiedenen Berufsgruppen, Ehrenamtlichen und Angehörigen ist wesentlich. Denn nur so lässt sich Gemeinschaft in guter Atmosphäre fühl- und erlebbar machen.
  • Nicht jeder pflegerische Handgriff muss zu 100% perfekt sein. Es muss v. a. darum gehen, Nähe, Anteilnahme und Begegnungsräume zu vermitteln bzw. zu schaffen – im Wechselspiel mit den individuellen Wünschen der Bewohner*innen, um deren erlebter Entmündigung entgegenzuwirken.
  • Möglichkeiten schaffen, dass die Senior*innen ihren Hobbies und Interessen auch im Seniorenzentrum weiter nachgehen können bzw. dass sie ihre Haustiere mitbringen können.
  • Aktives Zuhören, wirkliches Interesse an den Menschen und ihren Lebensläufen zeigen und v. a. Zeit für sie nehmen - das ist wesentlich.
  • Gottesdienste und Andachten, gemeinsames Singen und Gestalten sind sinnstiftende, rationelle Elemente mit Wohlfühlfaktor.
  • Altenpflege vom Versorgungsauftrag abkoppeln, denn es ist ein Dienst an anderen mit all ihren Sinnen

Prof. Dr. Maio zeigte sich begeistert von den Diskussionen und Denkanstößen der Kleingruppen und betonte nochmals, wie wichtig es sei, den Blick der älteren Menschen von dem abzulenken, was sie nicht mehr können, hin zu dem, was ihnen alles noch offen steht. Denn Sinnfindung passiere nicht allein, individuell und ohne Hilfe von außen. Denn anders als vom Lügenbaron Münchhausen behauptet, könne man sich nicht am eigenen Schopfe aus dem Sumpf ziehen. „Hilfe aktiv zu suchen bzw. angebotene Hilfe anzunehmen ist kein Verlust des Lebenssinns, sondern ein Zugewinn. Denn aus jeder Hilfssituation erwachsen kleine Sinnmomente der Gemeinsamzeit. Nutzen Sie diese.“

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